Bd. I · Heft 03 · Mai 2026

Mantra Magazin für Yoga, Meditation und spirituelle Praxis DACH
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Geschichte · 16 min

Rishikesh, Februar 1968 — wie die Beatles die Yoga-Welle anstießen

Von den Pashupati-Siegeln aus Mohenjo-Daro bis zum Ashram am Ganges: eine Geschichte des westlichen Begehrens nach Indien.

Am 15. Februar 1968 landen John Lennon, George Harrison, Paul McCartney und Ringo Starr in Delhi. Sechs Tage später, am 21. Februar — Ringo Starrs Geburtstag —, treffen sie mit ihren Ehefrauen und Begleiter:innen, darunter Mia Farrow, Donovan und Mike Love von den Beach Boys, in Rishikesh ein, einer Pilgerstadt am Fuße des Himalaya, dort, wo der Ganges die Ebene erreicht. Ziel: der Chaurasi Kutia, der Ashram des damals fünfzigjährigen Maharishi Mahesh Yogi (geboren am 12. Januar 1918 in Jabalpur, gestorben am 5. Februar 2008 in Vlodrop, Niederlande), Begründer der Transzendentalen Meditation. Die Beatles bleiben unterschiedlich lange — Ringo eine knappe Woche, Paul rund fünf Wochen, John und George etwa sieben Wochen — und schreiben in dieser Zeit, je nach Zählung, zwischen 35 und 48 Songs. Es ist die produktivste Phase der Bandgeschichte; viele der entstandenen Stücke landen auf dem White Album, das im November 1968 erscheint.

Maharishi und die TM-Mechanik

Der Maharishi, der die Beatles empfängt, ist ein 1955 in Erscheinung getretener Lehrer in der Tradition des südindischen Shankaracharya-Lehrers Brahmananda Saraswati. Seine Transzendentale Meditation — zweimal täglich 20 Minuten, jeder Praktizierende erhält in einem rituellen Initiationsakt ein individuelles Mantra — wird ab 1959 mit erstaunlichem Marketing-Geschick westlich vermarktet. Die Beatles-Episode ist der globale Durchbruch dieser Vermarktung; bis Anfang der 1970er-Jahre soll die TM-Organisation nach eigenen Angaben mehrere Millionen Initiierte weltweit verzeichnen.

Der Aufenthalt der Beatles endet uneinvernehmlich. Lennon und Harrison reisen Mitte April 1968 ab, nachdem Lennon dem Maharishi unangemessenes Verhalten gegenüber weiblichen Ashram-Bewohnerinnen vorgeworfen hat — ein Vorwurf, der historisch nie vollständig geklärt wurde, der aber zur unmittelbaren Quelle des Lennon-Songs „Sexy Sadie” wurde (ursprünglich mit dem Titel „Maharishi”). George Harrison bleibt der TM und der indischen Spiritualität zeitlebens verbunden — eine Bindung, die sich in seiner Hare-Krishna-Patenschaft, dem Album All Things Must Pass (1970) und dem Concert for Bangladesh (1971) ausdrückt.

Die längere Welle: Hippie-Trail und Yoga-Boom

Die Beatles in Rishikesh waren nicht der Anfang. Sie waren der Verstärker einer Welle, die schon seit der Mitte der 1960er-Jahre anrollte. Der Hippie-Trail — die Überlandroute von London über Istanbul, Teheran, Kabul und Lahore nach Delhi und Kathmandu — war ab 1965 eine etablierte Reise-Infrastruktur, befahren von Tausenden westlichen Aussteiger:innen pro Jahr, von denen viele in indischen Ashrams Halt machten. Allen Ginsberg hatte 1962/63 ein Jahr in Indien verbracht und seine Indian Journals publiziert. Ram Dass (vorher Richard Alpert, der Harvard-Psychologe, der mit Timothy Leary die LSD-Studien betrieben hatte) traf 1967 in einem Himalaya-Tempel Neem Karoli Baba und brachte das Erlebnis als Be Here Now (1971) zurück in die USA — ein Buch, das in den USA zweistellige Millionen-Auflagen erreichte.

Die wichtigste, weniger schillernde Figur des Yoga-Imports war Swami Sivananda (1887–1963), Mediziner und Lehrer in Rishikesh, dessen Schüler:innen — Swami Vishnudevananda, Swami Satchidananda, Swami Chinmayananda — ab Anfang der 1960er-Jahre in Nordamerika und Europa die ersten festen Yoga-Zentren etablierten. Satchidananda eröffnete 1969 das Woodstock-Festival mit einer Rede; Vishnudevananda gründete 1969 in Val-Morin (Québec) die internationale Sivananda Yoga Vedanta Centres-Organisation. In Westdeutschland richtete sich Sivananda Yoga ab 1969 in München ein.

„I had been a meat-eating, hard-drinking … now I’m just a vegetable.”
— George Harrison, in einem Interview mit Rolling Stone 1969 über die Rishikesh-Erfahrung

Die tiefe Schicht: Pashupati und Mohenjo-Daro

Wer die Geschichte des Yoga ganz weit zurück verfolgt, stößt auf ein einzelnes archäologisches Artefakt, das in fast jeder ernsthaften Yoga-Geschichtsschreibung erwähnt wird: das Pashupati-Siegel aus Mohenjo-Daro, einer der großen Städte der Indus-Tal-Zivilisation. Datiert wird das Siegel auf die Zeit zwischen ca. 2350 und 2000 v. Chr. — eine ungewöhnlich präzise Datierung für ein Objekt aus einer Hochkultur, deren Schrift bis heute nicht entziffert ist. Das Siegel, 1928/29 von dem britischen Archäologen Ernest Mackay ausgegraben, zeigt eine gehörnte, von Tieren umgebene sitzende Figur in einer Haltung, die seit dem britischen Archäologen John Marshall (1931) als yogische Sitzhaltung interpretiert wird — Marshall selbst nannte die Figur, in einer für seine Zeit typischen Hindu-Projektion, Proto-Shiva oder Pashupati, „Herr der Tiere”.

Die heutige Forschung — etwa Asko Parpola in The Roots of Hinduism (2015) — sieht diese Interpretation mit großer Skepsis. Die Sitzhaltung könnte ein Lotussitz sein, könnte aber ebenso eine ritualisierte, mit später indischer Yogapraxis nicht zwingend verbundene Haltung darstellen. Die ikonografische Linie von der Indus-Tal-Figur zum modernen Padmasana ist eine Konstruktion, die mehr über das 20. Jahrhundert aussagt als über das dritte Jahrtausend v. Chr.

Was sich gleichwohl seriös belegen lässt: In Mohenjo-Daro und Harappa wurden Hunderte von Siegel-Abdrücken mit sitzenden, meditativ wirkenden Figuren gefunden. Ob diese Figuren auf eine vor-vedische Yogatradition zurückgehen, ist eine offene Frage. Die Tatsache, dass die Yogapraxis im klassischen Sinne erst im Atharva Veda (ca. 1000 v. Chr.) und später in den älteren Upanishaden (Brihadaranyaka, Chandogya, ca. 800–600 v. Chr.) terminologisch greifbar wird, deutet auf eine Entwicklungslinie hin, die zwischen Indus-Tal-Kultur und vedischer Religion verläuft — möglicherweise vermittelt, möglicherweise zwei voneinander unabhängige Stränge, die später konvergierten.

Die Welle erreicht den deutschsprachigen Raum

In Westdeutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz erreicht die Yoga-Welle den breiten Markt erst in den 1970er-Jahren. Wichtige Stationen:

  • 1969: Eröffnung des Sivananda Yoga Vedanta Zentrums München.
  • 1970: Boris Sacharow (1899–1959, posthum publiziert), dessen Großes Buch des Yoga in deutscher Übersetzung weite Verbreitung findet.
  • 1976: Gründung des Yoga-Vidya-Vereins durch Sukadev Volker Bretz, später ausgewachsen zum Yoga Vidya Bad Meinberg (heute größtes Yoga-Seminarhaus Europas).
  • 1977: Heinrich Dauber und Friederich Lippa gründen den Berufsverband Deutscher Yogalehrer (BDY), den ersten organisierten Berufsverband im deutschsprachigen Raum.
  • 1980er: Etablierung der Iyengar-Methode in Deutschland durch Schüler:innen wie Heiner Hofstetter und Rainer Hercher.

Die zweite Welle, die ab den späten 1990er-Jahren mit Ashtanga, Power-Yoga und Bikram-Yoga eine fitness-orientierte Klientel erreicht, transformiert die Praxis erneut. Die dritte Welle, die mit der Pandemie 2020/21 die Online-Yoga-Plattformen — Down Dog, Yoga With Adriene, Glo, und im deutschsprachigen Raum Yoga Easy und YogaMeHome — etabliert, demokratisiert die Praxis weiter.

2026: was bleibt vom Rishikesh-Moment

Im Mai 2026 ist Rishikesh, die ehemalige Pilgerstadt, eine internationale Yoga-Tourismus-Destination mit Hunderten zertifizierter Teacher Training-Programme. Der Chaurasi Kutia — der Beatles-Ashram — ist seit 2003 verlassen, seit 2015 für Besucher:innen geöffnet, ein zugewucherter, vom Forstdepartment verwalteter Memorial-Park mit verblassten Wandbildern. Wer dort entlanggeht, sieht eher die Architektur einer fast verlorenen Zeit als ein lebendiges spirituelles Zentrum.

Was vom Februar 1968 bleibt, ist die kulturelle Tatsache, dass eine der einflussreichsten Bands der Pop-Geschichte in Indien Mantras meditierte und dadurch ein millionenfaches Begehren auslöste. Das war kulturelle Aneignung — und es war zugleich ein wechselseitiger Austausch, dessen Folgen die deutschsprachigen Yogastudios des Jahres 2026 immer noch tragen. Wer in Berlin-Neukölln, Wien-Mariahilf oder Zürich-Wiedikon einen Vormittag im Studio verbringt, ist Teil einer langen, krummen, manchmal grotesken, oft überraschend stabilen Linie — die im Indus-Tal beginnt, durch die Upanishaden, Patanjali und die Hatha-Texte verläuft, in Mysore zur modernen Asana-Form gerinnt und in Rishikesh, im Februar 1968, ihren popmedialen Verstärker findet.

Die Theosophie und ihr Vorlauf

Bevor die Beatles 1968 in Rishikesh meditierten, gab es bereits ein knapp ein Jahrhundert altes westliches Indien-Interesse, das die spätere Yoga-Welle vorbereitete. 1875 gründeten Helena Petrovna Blavatsky (1831–1891) und Henry Steel Olcott in New York die Theosophical Society, die 1882 ihren Hauptsitz nach Adyar bei Madras (heute Chennai) verlegte. Die Theosophie war ein synkretistisches Lehrgebäude, das hinduistische, buddhistische und westlich-esoterische Elemente zu einer „universellen Weisheitslehre” verband. Sie war zu einem erheblichen Teil mythopoetisch, in den überlieferten indischen Quellen oft frei interpretierend, und ist aus heutiger Sicht in vielem zweifelhaft. Sie hatte aber eine reale, breit dokumentierte Wirkung: Sie versorgte den westlichen Mittelstand ab den 1880er-Jahren mit einer ersten — wenn auch verzerrten — Übersetzung indischer kontemplativer Begriffe.

Vivekanandas Auftritt auf dem Parliament of Religions in Chicago am 11. September 1893 ist der zweite Meilenstein dieser Vorgeschichte. Vivekananda, Schüler Ramakrishnas, präsentierte einer westlichen Öffentlichkeit zum ersten Mal eine systematische, anschlussfähige Vedanta-Lehre. Seine in den Folgejahren publizierten Vortragsreihen — Raja Yoga (1896), Karma Yoga (1896), Bhakti Yoga (1896), Jnana Yoga (1899) — sind bis heute in englischsprachigen und deutschsprachigen Übersetzungen erhältlich und prägen das westliche Verständnis von „Yoga” als Pfad-System tief. Wenn die Beatles 1968 nach Indien reisten, betraten sie ein Terrain, das durch Theosophie und Vivekananda-Rezeption bereits semantisch vorbereitet war.

Die kommerzielle Strukturierung

Nach der Hippie-Phase folgte eine Phase der institutionellen Konsolidierung. In den 1980er- und 1990er-Jahren entstanden im Westen die ersten kommerziellen Yoga-Studio-Ketten, die ersten 200-Stunden-Lehrer:innen-Ausbildungen nach standardisiertem Curriculum (die Yoga Alliance wurde 1999 in den USA gegründet) und die ersten globalen Yoga-Festivals. In Deutschland prägten in dieser Zeit die Yogaworld-Messe in München (ab 2005) und die Yoga Conference Germany (ab 2007) die zunehmend professionalisierte Szene. Yoga wurde, was es bis heute ist: eine globale, mehrere Milliarden Euro umfassende Wellness-Industrie, in der spirituelle, körperliche und kommerzielle Logiken untrennbar ineinandergreifen.

Diese Kommerzialisierung wurde von vielen alten Lehrer:innen kritisch betrachtet — Krishnamacharya selbst soll in seinen späten Jahren bedauert haben, dass „sein” Yoga im Westen so körperzentriert verstanden werde. Die Kritik ist verständlich, blendet aber aus, dass jede Tradition, die gelebt werden will, sich an die ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen ihres Kontexts anpassen muss. Die Yoga-Industrie des Jahres 2026 ist ein Anpassungsprodukt; sie produziert beides — oberflächliche Trends und tief praktizierende Schüler:innen.


Ressort: Geschichte