Bd. I · Heft 03 · Mai 2026

Mantra Magazin für Yoga, Meditation und spirituelle Praxis DACH
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Yoga · 14 min

Krishnamacharya in Mysore — der Vater des modernen Yoga

Wo seit den 1930ern die Schulen von Iyengar, Pattabhi Jois und Desikachar entstanden — eine Spurensuche im Jaganmohan-Palast.

Im Jaganmohan-Palast zu Mysore, einem ockerfarbenen Bau aus dem 19. Jahrhundert, befand sich zwischen 1933 und 1955 eine Yogashala, deren Wirkung bis in das Studio um die Ecke reicht, in dem heute, im Frühjahr 2026, in Hamburg-Eppendorf, Berlin-Kreuzberg oder Wien-Neubau Praktizierende den ersten Sonnengruß des Tages aufrollen. Der Mann, der dort lehrte, hieß Tirumalai Krishnamacharya. Geboren am 18. November 1888 im südindischen Muchukunte, gestorben am 28. Februar 1989 in Madras: ein Lehrer, der die meisten westlichen Yogalehrenden mit höchstens zwei Lehrer-Generationen Abstand verbindet — und dessen Namen außerhalb von Fachkreisen kaum jemand kennt.

Ein Sanskritgelehrter wird Hofyogi

Krishnamacharya studiert in den 1910er- und 1920er-Jahren Sanskrit, Logik, Ayurveda und die sechs klassischen Darshanas an den Universitäten Banaras, Patna und Mysore. Sieben Jahre, so überliefern es seine Biograf:innen, verbringt er in den 1920ern bei seinem Lehrer Ramamohana Brahmachari am Fuße des Berges Kailash in Tibet — eine Episode, deren historische Faktizität die Forschung kritisch diskutiert, die aber jedenfalls den biografischen Selbstentwurf prägt. 1931 holt ihn der Maharadscha von Mysore, Krishnaraja Wadiyar IV., als Hauslehrer an seinen Hof. Zwei Jahre später richtet der Maharadscha im Jaganmohan-Palast eine Schule ein, in der Krishnamacharya unterrichten darf, was er als modern adaptierten Hatha-Yoga konzipiert.

Diese Schule ist keine spirituelle Einsiedelei. Sie ist eine pragmatische, leicht militarisierte Institution für die Söhne der Mysore-Elite, kombiniert mit öffentlichen Demonstrationen, bei denen Krishnamacharya seinen jungen Schülern komplexe Asana-Sequenzen abverlangt. Die Forschung der vergangenen zwei Jahrzehnte — namentlich Mark Singletons Yoga Body von 2010 sowie die Arbeiten von Norman Sjoman zu The Yoga Tradition of the Mysore Palace (1996) — zeichnet nach, wie eng diese Asana-Praxis mit britischen Gymnastik-Systemen, indischer Ringkampftradition (Mallakhamb) und neueren Konzeptionen von Körperkultur verflochten ist. Wer Krishnamacharya verstehen will, kommt an dieser hybriden Genealogie nicht vorbei.

„Yoga ist die Beruhigung der Bewegungen im Bewusstsein.”
— Patanjali, Yoga-Sutra I.2 (yogas chitta vritti nirodhah), zitiert in Krishnamacharyas Unterricht laut Desikachars Erinnerungen

Drei Söhne, drei Schulen

Aus dem Mysore-Unterricht gehen drei Schüler hervor, deren Namen die globale Yogalandschaft des späten 20. Jahrhunderts dominieren. Der erste ist Bellur Krishnamachar Sundararaja Iyengar, geboren am 14. Dezember 1918 im Bezirk Kolar, gestorben am 20. August 2014 in Pune. Iyengar ist Krishnamacharyas Schwager — eine biografische Pikanterie, die das Verhältnis der beiden zeitlebens unter Spannung setzt. Iyengar entwickelt in Pune ab 1937 jene auf Präzision, Hilfsmittel und anatomische Aufschlüsselung fokussierte Methode, die durch das 1966 erschienene Buch Light on Yoga zur meistverkauften Yoga-Anleitung des 20. Jahrhunderts wird. Mehr als drei Millionen Exemplare in über zwanzig Sprachen sind belegt.

Der zweite Schüler ist Krishna Pattabhi Jois, geboren am 26. Juli 1915 in Kowshika, gestorben am 18. Mai 2009 in Mysore. Jois begegnet Krishnamacharya 1927 als zwölfjähriger Junge, folgt ihm 1933 an den Mysore-Palast und gründet 1948 das Ashtanga Yoga Research Institute in Lakshmipuram, Mysore. Die dort kodifizierte Ashtanga-Vinyasa-Methode — sechs feststehende Asana-Serien, atemsynchron in vorgegebener Reihenfolge — wird ab den 1970er-Jahren zur weltweit am stärksten standardisierten Praxisform. Dass Jois posthum schwere Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen Schülerinnen treffen, dokumentiert seit 2017 ein öffentlicher Diskurs, der die Ashtanga-Community in eine notwendige institutionelle Selbstprüfung zwingt.

Der dritte ist Tirumalai Krishnamacharya Venkata Desikachar, geboren am 21. Juni 1938 in Mysore, gestorben am 8. August 2016 in Chennai. Desikachar ist der Sohn Krishnamacharyas. Als studierter Ingenieur kehrt er Ende der 1950er-Jahre zur Praxis seines Vaters zurück und entwickelt daraus den Viniyoga-Ansatz — eine individualisierte, therapeutisch grundierte Yogaform, die sich konsequent von der einheitlichen Sequenz-Logik der Ashtanga-Tradition absetzt. 1976 gründet er in Chennai das Krishnamacharya Yoga Mandiram, das bis heute existiert.

Indra Devi und der Weg in den Westen

Eine vierte Person sei genannt, ohne deren Wirken die Globalisierung des Mysore-Erbes anders verlaufen wäre: Eugenie Peterson, später bekannt als Indra Devi, geboren am 12. Mai 1899 in Riga, gestorben am 25. April 2002 in Buenos Aires. Devi ist die erste westliche Frau, die Krishnamacharya zunächst nicht als Schülerin annehmen will, weil sie als Frau und Ausländerin in seiner traditionellen Sichtweise nicht in den Mysore-Palast gehört. Erst auf Intervention des Maharadschas unterrichtet er sie ab 1937. Devi geht nach Shanghai, später nach Hollywood, eröffnet 1948 ein Studio am Sunset Boulevard und unterrichtet Greta Garbo, Gloria Swanson und Marilyn Monroe. Die in den 1960er-Jahren beginnende Yoga-Welle in Kalifornien ist ohne sie nicht denkbar.

DACH 2026: eine Bewegung wird breit

Im Mai 2026 zählen die Statistiken der drei großen Yoga-Verbände im deutschsprachigen Raum — der Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland (BDY), der österreichische Yogalehrer:innen-Verband und Yoga Schweiz — kombiniert rund 5,5 Millionen aktive Praktizierende. Im Bundesdurchschnitt praktiziert damit etwa jede:r vierzehnte Erwachsene mindestens monatlich Yoga; in den Metropolen Berlin, München, Hamburg, Wien und Zürich liegt der Anteil über zehn Prozent. Mehr als 90 Prozent dieser Praktizierenden geben in Erhebungen an, primär körperorientierten Hatha-Yoga zu üben. Die meisten der angebotenen Stile lassen sich auf einen der drei Mysore-Stränge zurückführen: Iyengar, Ashtanga oder Viniyoga.

  • Iyengar-Linie: Vinyasa Flow, Hatha-Yoga im Iyengar-Stil, Yin-Yoga (mit Anleihen)
  • Ashtanga-Linie: Ashtanga, Power-Yoga, Rocket-Yoga, Jivamukti
  • Viniyoga-Linie: Yogatherapie, Yoga-Therapeutik nach den Heidelberger Modellen, individualisierter Unterricht

Diese Linien-Zuordnung ist keine schulische Reinheit, sondern eine genealogische Ordnung. Viele moderne Lehrende kombinieren Elemente aus mehreren Strängen — der Streit der Linien, der im späten 20. Jahrhundert noch identitätspolitisch geführt wurde, scheint sich in den 2020er-Jahren zugunsten einer pragmatischen Vielfalt zu glätten.

Was bleibt, was zur Diskussion steht

Krishnamacharyas Wirkung ist nicht ohne Reibung zu erzählen. Die kritische Yoga-Studies-Forschung — etwa Andrea Jain in Selling Yoga (2014) oder Suzanne Newcombe in Yoga in Britain (2019) — zeigt, dass die Erzählung vom „uralten, ungebrochenen Yoga aus Indien” in dieser absoluten Form nicht haltbar ist. Vieles, was heute als „traditionell” gilt, ist eine frühe Erfindung des 20. Jahrhunderts. Das mache das Praktizieren nicht weniger wertvoll, schreibt Singleton; es verlange aber intellektuelle Redlichkeit gegenüber den Quellen.

Wer in Mysore-City heute, 2026, durch Gokulam läuft — das Viertel, in dem sich rund um das von Sharath Jois bis zu seinem Tod 2024 geleitete Ashtanga Yoga Shala internationale Praktizierende treffen — sieht eine kleine, durchaus touristische Yoga-Ökonomie. Die shala selbst ist seit dem Tod Sharaths in einer Übergangsphase; verschiedene Schüler:innen des Lehrers führen Teile der Tradition fort, ohne dass eine eindeutige Nachfolge etabliert wäre. Auch das ist Teil der Mysore-Erzählung: eine Tradition, die sich nicht in dynastischer Reinheit fortsetzt, sondern fragmentiert, mit Brüchen, mit Aushandlungen.

Die Praxis selbst aber, die in deutschen, österreichischen und Schweizer Studios morgens und abends aufgerollt wird, trägt in ihrer Choreografie noch die Handschrift jenes Lehrers, der vor fast einem Jahrhundert im Jaganmohan-Palast die Söhne der Mysore-Elite durch die Sonnengrüße führte. Eine kulturelle Genealogie, die sich nicht in Heilsversprechen erschöpft, sondern in einer schlichten, übenden Praxis: morgens fünfunddreißig Minuten, drei- bis viermal die Woche, ein Atemzug pro Bewegung.

Die Asana-Choreografie als Übersetzungsleistung

Das, was Krishnamacharya in den 1930er-Jahren in Mysore als Vinyasa-Krama — als „aufeinanderfolgende Abfolge mit Atembindung” — entwickelt, ist die methodische Innovation, an der sich die gesamte spätere moderne Asana-Praxis orientiert. Vor Mysore werden Asanas in den überlieferten Hatha-Texten als isolierte Sitz- oder Liegehaltungen beschrieben, in denen man verweilt; das Konzept einer choreografierten Sequenz, in der Bewegungen mit Ein- und Ausatmung präzise synchronisiert werden, ist neu. Krishnamacharya entlehnt es teils aus der westlichen Gymnastik-Pädagogik, die er über Sjomans dokumentierte Buch-Hinweise im Mysore-Palast vorfindet (insbesondere Niels Buks dänisches Primitive Gymnastics, 1924), teils aus südindischen Tanztraditionen, teils aus eigener Komposition.

Diese hybride Genese sollte weder als Entzauberung noch als Diskreditierung der Praxis verstanden werden. Sie zeigt vielmehr, wie Tradition lebendig wird: nicht durch wortgetreue Wiederholung, sondern durch kreative Adaption an einen historischen Kontext. Was Krishnamacharya tat, taten die Hatha-Lehrer des 15. Jahrhunderts gegenüber den vedischen Texten auch — sie übersetzten ein älteres Vokabular in eine neue, ihrer Zeit angemessene Praxis.

Eine deutschsprachige Studio-Realität

Wer im Mai 2026 in Hamburg-Eimsbüttel, in Linz-Urfahr oder in Basel-Kleinbasel ein durchschnittliches Yoga-Studio betritt, findet eine bemerkenswert kosmopolitische Lehrendenschaft. Viele der Lehrer:innen haben ihre 200- oder 500-Stunden-Ausbildung in Indien absolviert, häufig in Rishikesh, Goa oder eben Mysore. Die in DACH am häufigsten unterrichteten Stile — Vinyasa Flow, Hatha-Yoga, Yin-Yoga — sind allesamt zeitgenössische Synthesen, die in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten kodifiziert wurden. Der Vinyasa Flow, der in den meisten Studios den Großteil des Stundenplans füllt, leitet sich direkt aus dem Mysore-Vinyasa-Krama her, ist aber von den festen Ashtanga-Serien gelöst zu einer freieren, oft musikbegleiteten Sequenz-Praxis weiterentwickelt worden.

Diese Diversifizierung ist eine erwachsene Reife der Tradition. Sie befreit die Lehrer:innen von der Pflicht, sich an einer einzigen Linie auszuweisen, und ermöglicht es ihnen, aus dem Repertoire der Mysore-Erbschaft auszuwählen, was zum konkreten Unterrichtskontext passt — zur Münchner Bürofrau am Donnerstagabend ebenso wie zum Schweizer Bergführer am Sonntagmorgen.

Die Frauen der Mysore-Tradition

Eine zuletzt oft übersehene Schicht der Mysore-Erzählung sind die Frauen, die in ihrer Vermittlung eine erhebliche Rolle gespielt haben. Geeta Iyengar (1944–2018), Tochter von B. K. S. Iyengar, war eine der einflussreichsten Lehrerinnen ihrer Generation und prägte mit ihrem 1983 erschienenen Werk Yoga: A Gem for Women die Iyengar-Praxis für eine globale Schülerinnenschaft. Saraswathi Jois (geboren 1941), Tochter von K. Pattabhi Jois, übernahm nach dem Tod ihres Vaters die Leitung der Ashtanga-Tradition in Mysore und unterrichtet bis ins hohe Alter. Im deutschsprachigen Raum waren Anna Trökes (geboren 1953), Gabriela Bozic (Münchner Studio-Gründerin) und Petros Haffenrichter zentrale Vermittler:innen, die die Mysore-Erbschaft an die DACH-Lehrendengeneration der 2000er- und 2010er-Jahre weitergaben.

Diese weibliche Linienführung ist ein wichtiges Korrektiv zur oft patriarchal erzählten Yoga-Geschichte. Sie macht sichtbar, dass Tradition immer ein gemeinsames Werk vieler Beteiligter ist, nicht das Produkt einzelner Übervater-Figuren.


Ressort: Yoga